Spuren

Sie führen, sie verführen, sie entführen:
von irgendwem oder irgendetwas irgendwann verblieben.
Werden gelesen, bevor sie verblassen, vielleicht.
Vom Lauf der Zeit am Ende gnadenlos gerichtet.

Wir selbst nur eine Spur im Universum:
wen führen, verführen, entführen wir?
Auch uns versucht man permanent zu lesen:
was hinter Masken und Fassaden sich verbirgt.

Nicht jede Spur hat Start und Ziel und eine Richtung.
Manch eine zwingt uns stur auf einen Kreis.
Wir folgen ihr, ein ganzes Leben,
und sind am Ende wieder hier.

Zeitwert

Was ist die Zeit Wert?
Was ist mir die Zeit wert?
Was ist etwas in der Zeit wert?

Wir alle haben ein beschränktes Kontingent an Zeit.
Niemand weiß, wie viel das ist; niemand kennt sein ganz persönliches Kontingent.
Unsicherheit macht Angst, sagt man.
Macht uns die Unsicherheit über unser Zeitkontingent Angst?
Würde uns Sicherheit darüber unsere Angst nehmen?

Wenn ich nur noch einen Tag zu leben hätte:
wie oft wurde diese Frage schon gestellt.
Und: was wäre mir ein weiterer Tag wert, wenn ich ihn kaufen könnte?
Oder ein Monat? Ein Jahr? – Meine Seele?
Das Verweilen des Augenblicks haben schon andere zu erkaufen versucht.

Wir wollen mehr Zeit, und wissen doch nicht einmal, was Zeit ist.
Ein Mehr: wovon? – Keine Materie, kein Begreifen, kein Bezug.
Mehr Zeit haben, was heißt das schon?
Wir können heute nicht mehr Zeit haben:
alle Zeit hier und jetzt auf einem Haufen, vor uns?

Jetzt ist der Augenblick, und der ist zeitlos wie eine Fotografie:
ich kann mir kein Bild machen von der Zeit.
Und selbst ein Film ist nur eine Abfolge von Einzelbildern.
Vielleicht gibt es gar kein Kontinuum,
vielleicht ist Zeit nur die unendliche Taktung von Augenblicken:
gibt ihnen Struktur, ordnet sie in einer stringenten Kontingenz.

Mehr Zeit haben heißt eigentlich nur, dass ein weiterer Augenblick kommt,
immer und immer wieder.
Dass alles irgendwie weitergeht.

Zeit: so kostbar, so flüchtig, so endlich.
Und doch erst wirklich präsent, wenn sie abläuft.

Säulen

Säulen geben unserem Leben Halt:
Sie tragen einen Teil unserer Last, die wir alleine nicht stemmen können.
Sie geben unserem Leben Sicherheit.
Sie bilden die Verbindung zwischen unserem Fundament und unserem Dach.

Oft stehen uns Säulen auch im Weg:
wir müssen um sie herumlaufen, um weiter zu kommen.
Doch Säulen brauchen Raum in unserem Leben, um ihre Funktion zu erfüllen.
Eine Säule ohne Raum ist nur Leere, sie trägt nichts, ist nutzlos.
Je massiver eine Säule ist, desto mehr Platz braucht sie;
desto mehr Raum müssen wir ihr lassen.
Platz lassen heißt dabei auch Zeit: Raum und Zeit bedingen sich gegenseitig.

Ich bin froh über die Säulen in meinem Leben.
Ich weiß auch, dass ich ihnen zu wenig Raum gebe, zu wenig Zeit widme –
Säulen brauchen Pflege, sonst beginnen sie einzustürzen.