Orientierungslos

Ich schloß die Augen und ging weiter über den bunten Teppich aus Laub. Es roch kalt und herbstlich, und die Sonne hatte bisher ihren Kampf gegen den grauen Nebel verloren. Wie viele Schritte könnte ich wohl gehen, ohne gegen eine Wand zu stoßen, zu stürzen, mich zu verletzen? Bin ich noch am Weg oder bereits auf der Straße? Allein das Schließen der Augen hatte mich in ein anderes System geführt. Ich stellte mir vor, wie es Blinden ergeht, und wie filigran sie sich manchmal durch die Großstadt bewegen, zwischen Straßen, Gleisen, Schluchten, Stufen. Jeder Weg eine Expedition, jeder Weg mit einer ungleich höheren Gefahr verknüpft als bei uns Sehenden. Allein der Weg zum Bäcker: das Haus verlassen, zwei Fahrradwege überqueren, die Straßenseite wechseln. Unvorstellbar für mich, in völliger Hilflosigkeit. Und dann die Geräusche, die einzige Orientierungshilfe. Ich hörte ein Auto in der Ferne. War ich nun wirklich schon auf der Straße? Würde er mich sehen? Unter meinen Füßen spürte ich noch immer das Laub. Die Straße war frei davon, vermutete ich, doch stieg eine zunehmende Unruhe in mir auf. Blinde dürfen nicht nur vermuten, wo sie sind, sie müssen es wissen. Und auch dann bleibt noch ein ausreichendes Restrisiko: ein offen gelassener Schacht, eine temporäre Absperrung, ein falsch parkendes Auto. Je länger ich darüber nachdachte, umso mehr spürte ich die Beklemmung, die einen in dieser unfassbar großen Unsicherheit manchmal ereilen muss. Wenn der Erfahrungsstrom abreisst, der einen an diesen bestimmten Ort geführt hat, und man plötzlich ganz woanders ist. Weil da ein ganz anderes Geräusch ist, das früher nie da war, weil wir über eine Stufe stolpern, die wir nicht kennen, oder weil der Bus wegen einer Baustelle heute ein paar hundert Meter weiter weg anhalten muss. Und die Transformation von Sicherheit in Unsicherheit erzeugt Angst. Völlig orientierungslos, kein Smartphone kann uns mit einer Karte weiterhelfen, und die Geräuschkulisse läßt auch keine Erkenntnis zu, ob da jemand ist den wir fragen könnten. Ich blieb stehen. Das Risiko wurde mir nun doch zu groß. Durch meine zusammengekniffenen Augen ereilte mich Beruhigung: es war der Weg, auf dem ich stand. Und schon fokussierten sich meine Gedanken wieder auf das Laub, den Geruch, die frische Luft. Wie sehr unsere Sinne sich doch aus- und wieder einblenden lassen, ja dies automatisch tun, wenn wir uns in Grenzsituationen befinden. Die Angst lähmt nicht nur den Körper, sondern auch die Gedanken. Jede Bewegung kommt ins Stocken. Welch merkwürdiges Konstrukt der Natur: gerade dann, wenn wir all unsere körperliche Leistungsfähigkeit und all unsere geistige Kraft benötigen würden, wird sie uns versagt. Angst isst die Seele auf.

Sylter Metamorphosen V

Und doch mag es einem Glauben schenken, man könne einfach den Weg entlanglaufen, weiter über das Watt hinaus in das offene Meer, immerfort. Aber je weiter wir gingen, desto näher kämen wir dem Ort, von dem wir einmal aufgebrochen sind. Schliesslich, atemlos ob unserer Reise, ständen wir eines Tages erneut an diesem Weg, von dem wir nun wüssten, dass wir ihn niemals verlassen könnten, so weit und schnell wir auch liefen.

In der Stille ist es mir zu laut

Ein Augenblick der Stille, in unserer Zeit ein kostbares Gut:
schneller, höher, weiter, lauter.
Das Zeitalter der Alphatiere: jagen und gejagt werden.
Wer laut ist, gilt als stark; wer still ist, ist schwach – oder?

Wie oft ist Lärm um nichts aber ein Zeichen von Unsicherheit:
solange ich schreie, hört man mein Jammern nicht.
Wer laut ist, teilt aus – wer schweigt, erträgt.

Doch Stille ertragen können heute nicht mehr viele.
Vielleicht ein paar Minuten, ja – aber länger?
Dann wird schon wieder nach dem Smartphone gegriffen;
auch Bilder und Texte können laut sein.
Man braucht Ablenkung.

Mit Stille ertragen meine ich:
die Aktivität herunterschrauben,
die Arbeit zur Seite legen,
schweigend sehen und fühlen,
wirken lassen,
„offline“ gehen.

Das ist nicht einfach, denn:
wer von außen nichts hört,
muss in sich hineinhören;
sich auf sich selbst einlassen;
den unerträglichen Lärm in sich selbst ertragen;
sich mit seinen Ängsten auseinandersetzen.

Manch einem ist es in sich selbst zu laut.
Zu viele längst vergessene Traumata schlummern da,
sorgfältig versteckt in den dunklen Nischen der Seele.
Schnell die innere Unruhe mit äußerem Lärm betäuben.
Ja: Lärm von außen kann ein Betäubungsmittel sein.
Doch wer unangenehme Themen immer nur in diese Nischen schiebt,
hat bald keinen Platz mehr dafür.
Irgendwann bricht alles aus:
die hellste Flamme verbrennt am schnellsten.

Stille aushalten heißt: in sich aufräumen.
Und Kraft tanken für den weiteren Weg,
auf dem es sicher auch wieder laut wird.

Zeitwert

Was ist die Zeit Wert?
Was ist mir die Zeit wert?
Was ist etwas in der Zeit wert?

Wir alle haben ein beschränktes Kontingent an Zeit.
Niemand weiß, wie viel das ist; niemand kennt sein ganz persönliches Kontingent.
Unsicherheit macht Angst, sagt man.
Macht uns die Unsicherheit über unser Zeitkontingent Angst?
Würde uns Sicherheit darüber unsere Angst nehmen?

Wenn ich nur noch einen Tag zu leben hätte:
wie oft wurde diese Frage schon gestellt.
Und: was wäre mir ein weiterer Tag wert, wenn ich ihn kaufen könnte?
Oder ein Monat? Ein Jahr? – Meine Seele?
Das Verweilen des Augenblicks haben schon andere zu erkaufen versucht.

Wir wollen mehr Zeit, und wissen doch nicht einmal, was Zeit ist.
Ein Mehr: wovon? – Keine Materie, kein Begreifen, kein Bezug.
Mehr Zeit haben, was heißt das schon?
Wir können heute nicht mehr Zeit haben:
alle Zeit hier und jetzt auf einem Haufen, vor uns?

Jetzt ist der Augenblick, und der ist zeitlos wie eine Fotografie:
ich kann mir kein Bild machen von der Zeit.
Und selbst ein Film ist nur eine Abfolge von Einzelbildern.
Vielleicht gibt es gar kein Kontinuum,
vielleicht ist Zeit nur die unendliche Taktung von Augenblicken:
gibt ihnen Struktur, ordnet sie in einer stringenten Kontingenz.

Mehr Zeit haben heißt eigentlich nur, dass ein weiterer Augenblick kommt,
immer und immer wieder.
Dass alles irgendwie weitergeht.

Zeit: so kostbar, so flüchtig, so endlich.
Und doch erst wirklich präsent, wenn sie abläuft.