Sylter Metamorphosen VI

Am Ende ist es dann nur noch Freiheit: wenn Du an der Grenze zwischen Meer und Land auf dem Rücken eines Pferdes entlangschwebst, hinter Dir eine Wolke aus Gischt und Sand, und von vorne die klare, salzige Luft. Bis schliesslich dem Wanderer am Strand nur noch ein kleiner schwarzer Punkt am Horizont verbleibt, der genauso gut von einem Fahrzeug oder einem sich im Winde neigenden Baum stammen könnte. Aber er lächelt zufrieden, weiss er es doch besser.

Sylter Metamorphosen V

Und doch mag es einem Glauben schenken, man könne einfach den Weg entlanglaufen, weiter über das Watt hinaus in das offene Meer, immerfort. Aber je weiter wir gingen, desto näher kämen wir dem Ort, von dem wir einmal aufgebrochen sind. Schliesslich, atemlos ob unserer Reise, ständen wir eines Tages erneut an diesem Weg, von dem wir nun wüssten, dass wir ihn niemals verlassen könnten, so weit und schnell wir auch liefen.

Sylter Metamorphosen IV

Wenn Du die Augen schliesst, dann hörst Du das Flüstern der Wächter. Sie neigen ihre Köpfe im Wind zueinander, unaufhörlich. Tauschen sie Informationen aus? Warten sie auf einen bestimmten Zeitpunkt? Wer weiss das schon. Unzählige sind es, ein einziges Flimmern. Und Sekundenbruchteile später schon in einer neuen Formation, die so nie in der Erdgeschichte jemals da gewesen ist und so niemals mehr da sein wird.

Sylter Metamorphosen III

An diesem Ort hatte ich nun endlich wirklich das Gefühl, Teil einer jener Geschichten zu sein, die irgendwo zwischen Mythos und Realität seit jeher die Wahrnehmung der Insel Sylt prägen. Was es heisst, an der Buhne 16 am Kliffende die Augen zu schliessen und die Aura des vergangenen Jahrhunderts zu fühlen. Sonderbar vertraut fühlt sie sich an, diese Luft, als hätte ich sie schon damals geatmet. Doch das spielt keine Rolle, weil zwischen damals und heute kein Unterschied ist.

Sylter Metamorphosen II

Geometrie des Augenblicks … runde Speere liegen am Strand, sauber zu Paketen verschnürt, und bilden Dreiecke in einer übergeordneten Dimension. Massiv und unwirklich wirken die hölzernen Körper in einer Komposition aus Luft, Wasser und Sand. Und doch würden sie mich tragen, läge ich auf ihnen weit draussen im Meer, über mir nur die Wolken, unter mir die unendliche Tiefe der aufgewühlten See.

Sylter Metamorphosen I

Die Sonne schien flach über das Feld, knapp über dem Horizont. Ihre Wärme begann der abendlichen Frische zu weichen, und das Gold in den Ähren wurde von Sekunde zu Sekunde schwächer, indem die Strahlen einer nach dem anderen abgeschnitten und vom Watt verschluckt wurden. Was gerade noch heiter und fröhlich am Wasser entlangsäuselte, erschien jetzt düster und schwer. Eine schwarze, wabernde Masse nagte am Strand, unaufhörlich, unnachgiebig.