VERGLEICHE

Egal, wie rau und unwirtlich die Umgebung ist, überall gibt es Leben. Im Sand, im Eis, ja sogar im All. Immer passt sich irgendjemand an irgendetwas an und richtet sich ein. Und immer kommt es darauf an, aus dem etwas zu machen, was man hat. So wie diese Alge, die im kargen Sand lebt. Ist sie unzufrieden, weil ihr Nachbar am Kliff nahrhafteren Boden hat? Vergleicht sie ihre Lebensumstände permanent mit anderen?

Unzufriedenheit setzt ein Bewusstsein voraus: die Fähigkeit, externe Reize nicht nur aufzunehmen, sondern sie zu erleben, daraus Gefühle abzuleiten, Entscheidungen zu treffen, zu denken, und sich schlussendlich dessen selbst bewusst zu sein und sich von anderen Lebewesen individuell abgrenzen zu können. All das können wir Menschen. Und doch ist es Segen und Fluch zugleich, können wir diese Fähigkeit für und gegen uns verwenden, können uns selbst glücklich oder tottraurig denken.

Was bloße Existenz nicht kann, wird im bewussten Leben zur Herausforderung, ja zur Lebensaufgabe: aus dem, was man hat, das Beste zu machen. Zufriedenheit als Funktion der eigenen Lebenseinstellung. Wer immer nur vergleicht und vermeintlich Besserem nachjagt, verliert am Ende.

Nichts

Ich stand auf und hörte in die Szenerie hinein. Nichts. Diese Absolutheit der Stille definierte einen nahezu irrealen Bewusstseinszustand: wann hatte ich zuletzt Stille gehört? Ich schloss die Augen, und da war sie wieder: die durch das Vakuum ausgelöste Panik, die nur denjenigen in den Wahnsinn treiben kann, der es besser weiß. Hätte ich nie gehört, nie gesehen, alles wäre gut. Es wäre kein Verlust, vielmehr Gewinn: mehr Raum für anderes, mehr Klarheit des Seins. Ich würde keine Wörter denken, keine Farben, keine Töne. Wüsste nicht, was Zeit ist oder Ort. Hätte keine Ahnung von gut und böse. Wäre nur im Hier und Jetzt. Die Wärme der Sonne auf der Haut, der Duft der Blumenwiese, der Geschmack von Schokolade als Relikte einer Welt, die wir nur allzuoft ausblenden. Erleben ohne Erklärung, Empfinden ohne Worte, Bewusstsein ohne Grund, am Ende nur Sein. Und keine Angst vor dem Tod, der kein Bestandteil meiner Welt wäre: kein lebenslanger Begleiter, ein undefiniertes Ende nur, der nur den Wissenden einzuschüchtern vermag. Und ebenda lediglich in seiner finalen Konsequenz identisch. Was ist schlimmer? Mit der Fessel der Erkenntnis in Angst leben oder in Unwissenheit frei und glücklich sein?

//05 Wesen//

In unserem Bewußtsein erschaffen wir unser Wesen.
Weil wir denken, existieren wir, existiert alles andere.
Wir erkennen die strenge der Form –
Dasein als ästhetisches Phänomen,
Erhabenes als künstlerische Bändigung des Entsetzlichen.