Platz

Mein Platz: ein Ort, an den ich gehöre.
Schön klingt das, wenn andere sagen: das ist sein Platz.
Dann weiß ich: wenn ich nicht dort bin, fehle ich.
Und wenn ich fehle, werde ich vermisst: er ist nicht an seinem Platz.
An meinem Platz fühle ich mich zu Hause.
An meinem Platz darf ich ICH sein.

Wer aber immer an seinem Platz ist, wird irgendwann überflüssig, lästig.
Er wird nicht mehr vermisst, ist immer da, wird aufdringlich.
Ab und zu muss mein Platz also leer bleiben, damit man weiter sagt:
Das ist MEIN Platz.

In der Stille ist es mir zu laut

Ein Augenblick der Stille, in unserer Zeit ein kostbares Gut:
schneller, höher, weiter, lauter.
Das Zeitalter der Alphatiere: jagen und gejagt werden.
Wer laut ist, gilt als stark; wer still ist, ist schwach – oder?

Wie oft ist Lärm um nichts aber ein Zeichen von Unsicherheit:
solange ich schreie, hört man mein Jammern nicht.
Wer laut ist, teilt aus – wer schweigt, erträgt.

Doch Stille ertragen können heute nicht mehr viele.
Vielleicht ein paar Minuten, ja – aber länger?
Dann wird schon wieder nach dem Smartphone gegriffen;
auch Bilder und Texte können laut sein.
Man braucht Ablenkung.

Mit Stille ertragen meine ich:
die Aktivität herunterschrauben,
die Arbeit zur Seite legen,
schweigend sehen und fühlen,
wirken lassen,
„offline“ gehen.

Das ist nicht einfach, denn:
wer von außen nichts hört,
muss in sich hineinhören;
sich auf sich selbst einlassen;
den unerträglichen Lärm in sich selbst ertragen;
sich mit seinen Ängsten auseinandersetzen.

Manch einem ist es in sich selbst zu laut.
Zu viele längst vergessene Traumata schlummern da,
sorgfältig versteckt in den dunklen Nischen der Seele.
Schnell die innere Unruhe mit äußerem Lärm betäuben.
Ja: Lärm von außen kann ein Betäubungsmittel sein.
Doch wer unangenehme Themen immer nur in diese Nischen schiebt,
hat bald keinen Platz mehr dafür.
Irgendwann bricht alles aus:
die hellste Flamme verbrennt am schnellsten.

Stille aushalten heißt: in sich aufräumen.
Und Kraft tanken für den weiteren Weg,
auf dem es sicher auch wieder laut wird.

So-sein oder anders-sein?

Wie ist das mit meinem Sein? Ich bin wie ich bin.
Und so wie ich bin, sehen mich andere meist anders.
Doch wer möchte nicht manchmal anders Sein, oder vielmehr:
in seinem Sein anders wahrgenommen werden?

Traurige möchten, dass ihr traurig-sein nicht bemerkt wird.
Lügner möchten, dass ihr verlogen-sein unentdeckt bleibt.
Schwache möchten ihr schwach-sein verbergen.

Und so basteln wir uns Masken, die unser wahres Sein verbergen:
Masken kommunizieren mit Masken kommunizieren mit Masken.

Vielleicht ist es das, was der radikale Konstruktivismus meint:
Alles ist entworfen: wir wollen anders sein –
und leben in einem Masterplan.
Mit Ehrlichkeit hat das nichts mehr zu tun;
und es kostet Kraft, eine Maske zu tragen.

Am Ende brauchen wir all unsere Energie, die Maske aufrecht zu halten.
Und können vor lauter anders-sein-wollen nicht mehr wir selbst sein.

Säulen

Säulen geben unserem Leben Halt:
Sie tragen einen Teil unserer Last, die wir alleine nicht stemmen können.
Sie geben unserem Leben Sicherheit.
Sie bilden die Verbindung zwischen unserem Fundament und unserem Dach.

Oft stehen uns Säulen auch im Weg:
wir müssen um sie herumlaufen, um weiter zu kommen.
Doch Säulen brauchen Raum in unserem Leben, um ihre Funktion zu erfüllen.
Eine Säule ohne Raum ist nur Leere, sie trägt nichts, ist nutzlos.
Je massiver eine Säule ist, desto mehr Platz braucht sie;
desto mehr Raum müssen wir ihr lassen.
Platz lassen heißt dabei auch Zeit: Raum und Zeit bedingen sich gegenseitig.

Ich bin froh über die Säulen in meinem Leben.
Ich weiß auch, dass ich ihnen zu wenig Raum gebe, zu wenig Zeit widme –
Säulen brauchen Pflege, sonst beginnen sie einzustürzen.

Anfang

Ich stehe am Anfang. Nicht davor, nicht danach, nein: genau darauf.
Anfang heißt: da kommt was – doch kommt es wirklich?
Von nichts kommt nichts. Kein Anfang, keine Bewegung, und auch kein Ende.
So ist das: solange ich am Anfang stehe, fängt nichts an.

ICH bin der Anfang, die Bewegung, das Ende. ICH muss mich bewegen.
Die Trägheit überwinden ist das Grundproblem:
auf dem Sofa ist es gemütlicher als draußen im Wind.
Doch während ich auf dem Sofa sitze, bewegen sich alle anderen:
sie bewegen sich – von mir weg.

Ich überlege: was wollte ich doch gleich? Glücklich sein?
Doch um glücklich zu sein muss ich was anfangen.
Und mit dem Glück ist es wie mit dem Anfang: ohne Bewegung ist nichts.

Ein Teufelskreis:
ohne Bewegung kein Anfang,
ohne Anfang kein Glück,
ohne Glück keine Kraft für Bewegung.

Und doch: einmal nur muss ich die Kraft für Bewegung aufbringen.
Dann entsteht Dynamik.
Und schließlich funktioniert das auch mit dem Glück, vielleicht.