IRR-REAL

In allem, was wir sehen, spielen wir selbst die zentrale Rolle. Was wir sehen, sieht niemand außer uns – zu diesem Zeitpunkt, an diesem Ort. Vielleicht ein paar Meter weiter, ja, aber das ist etwas anderes. Und dann ist da ja noch die Interpretation: jeder nimmt das, was er sieht, anders wahr. Und so stehe ich an dem Geländer, sehe das Gewässer und meinen Schatten darüber, blicke in meine eigene Welt. Und als ich weitergehe, die ewige Frage: existiert dieser Ort jetzt noch? Oder existierte er nur in exakt dem Augenblick meiner Anwesenheit? Fast wie die Frage eines Kindes, ob im geschlossenen Kühlschrank das Licht noch brennt.

Die Erkenntnistheorie des radikalen Konstruktivismus sagt: die Realität besteht unabhängig vom Individuum und kann von diesem nicht reproduziert werden. Jede Wahrnehmung ist vollständig subjektiv, es gibt also keine Objektivität, da die Realität für jeden immer nur eine Konstruktion der eigenen Sinnes- und Gedächtnisleitung ist. Demnach wäre alles, was ich wahrnehme, im wahrsten Sinne des Wortes einzigartig. Und je länger ich darüber nachdenke, desto bewusster wird mir die Besonderheit meines Lebens.

Spuren

Sie führen, sie verführen, sie entführen:
von irgendwem oder irgendetwas irgendwann verblieben.
Werden gelesen, bevor sie verblassen, vielleicht.
Vom Lauf der Zeit am Ende gnadenlos gerichtet.

Wir selbst nur eine Spur im Universum:
wen führen, verführen, entführen wir?
Auch uns versucht man permanent zu lesen:
was hinter Masken und Fassaden sich verbirgt.

Nicht jede Spur hat Start und Ziel und eine Richtung.
Manch eine zwingt uns stur auf einen Kreis.
Wir folgen ihr, ein ganzes Leben,
und sind am Ende wieder hier.

Grenzen

Sie sind überall. Sichtbar, unsichtbar, real, imaginär.
Manche trennen, blockieren, schmerzen, lassen verzweifeln.
Andere schützen, regeln, leiten, helfen.
Oft machen sie beides gleichzeitig, je nach Perspektive.

Viele Grenzen sind gar keine: sie existieren nur in unseren Köpfen.
Leicht könnte man sie umgehen, vergessen, wegdenken.
Aber nichts ist so stabil wie ein Grenzgedanke:
festhalten ist wie so oft leichter als loslassen.

Grenzen sind vielfach auch wichtig und sinnvoll.
Sie werden dann zum Problem,
wenn der Nutzen des einen gleichzeitig der Schaden des anderen ist.
Die wenigsten bekommen gerne eine Grenze aufgezeigt.

Und schließlich sind wir Gefangene unserer eigenen Grenzen:
weil wir sie nicht erkennen oder erkennen wollen;
weil wir nicht die Kraft haben, sie zu überwinden;
oder weil wir, und das ist das Schlimmste, resigniert haben.

Auflösung

Es gibt keinen Halt mehr: alles löst sich auf;
nichts mehr greifbar, nur noch an-greifbar.

In unseren Gedanken gibt es auch keine Materie:
vor mir ein Stein, in mir nur sein gedachtes Abbild.

Ich fasse den Stein an, fühle ihn; doch was ist fühlen?
Gefühl als Teil meiner Gedankenwelt.

Ich erdenke mir also eine Welt, die so nicht existiert,
die ein anderer an meiner Stelle völlig anders wahrnimmt.

Was, wenn ich mich aus meiner Welt hinausdenken könnte?
Sorgen, Leid, Trauer, Schmerzen einfach wegdenken?

Doch vielleicht wäre das zu einfach:
wer würde Probleme noch lösen, wenn er sie wegdenken könnte?

WOLLEN KÖNNEN DÜRFEN SOLLEN MÜSSEN

Ich will etwas schreiben.
Aber ich kann nicht.
Darf ich sagen: es geht heute nicht?
Oder soll ich mich zwingen?
Muss ich wirklich?

Allzu oft orientieren wir uns an Konventionen:
Erwartungen oder das, was wir als solches interpretieren,
diktieren uns, was zu tun wäre.
So entsteht unglücklich-Sein:
aus dem internen Unvermögen, einem externen Zwang zu folgen.

Doch was erwarte ich von mir selbst?
Da sind wir wieder beim Thema „in sich hineinhören“:
wenn der Trubel von außen meine innere Stimme übertönt,
kann ich nicht wissen, was ich mir sagen will, sagen muss.

Deshalb dürfen wir auch mal sagen:
ich will jetzt meine Ruhe haben;
ich will jetzt nicht gesteuert werden,
ich will jetzt, darf, aber muss nicht.

Platz

Mein Platz: ein Ort, an den ich gehöre.
Schön klingt das, wenn andere sagen: das ist sein Platz.
Dann weiß ich: wenn ich nicht dort bin, fehle ich.
Und wenn ich fehle, werde ich vermisst: er ist nicht an seinem Platz.
An meinem Platz fühle ich mich zu Hause.
An meinem Platz darf ich ICH sein.

Wer aber immer an seinem Platz ist, wird irgendwann überflüssig, lästig.
Er wird nicht mehr vermisst, ist immer da, wird aufdringlich.
Ab und zu muss mein Platz also leer bleiben, damit man weiter sagt:
Das ist MEIN Platz.