Abschied

Du gingst hinweg, ich blieb zurück.
Zusammen gingen wir ein Stück
vom Weg des Lebens.
Träumten unser Morgen,
Zukunft ohne Sorgen
mit Dir. Vergebens.

Bedeutungslos war uns die Zeit.
Ein Licht voll Kraft und Ewigkeit
hast Du besessen.
Haben uns verloren,
einsam vor den Toren
steh‘ ich. Vergessen.

Seh noch Dein Lächeln voller Glanz.
Spür Dich bei mir zum letzten Tanz
wie neu geboren.
Sehnsucht voller Schmerzen,
hoffnungslos im Herzen
bin ich. Verloren.

So wie der Wind flogst Du hinfort.
An einem fernen, fremden Ort
bist Du gefangen.
Sehe Dich nie wieder,
höre Deine Lieder
nicht mehr. Vergangen.

Auflösung

Es gibt keinen Halt mehr: alles löst sich auf;
nichts mehr greifbar, nur noch an-greifbar.

In unseren Gedanken gibt es auch keine Materie:
vor mir ein Stein, in mir nur sein gedachtes Abbild.

Ich fasse den Stein an, fühle ihn; doch was ist fühlen?
Gefühl als Teil meiner Gedankenwelt.

Ich erdenke mir also eine Welt, die so nicht existiert,
die ein anderer an meiner Stelle völlig anders wahrnimmt.

Was, wenn ich mich aus meiner Welt hinausdenken könnte?
Sorgen, Leid, Trauer, Schmerzen einfach wegdenken?

Doch vielleicht wäre das zu einfach:
wer würde Probleme noch lösen, wenn er sie wegdenken könnte?

Sylter Metamorphosen VI

Am Ende ist es dann nur noch Freiheit: wenn Du an der Grenze zwischen Meer und Land auf dem Rücken eines Pferdes entlangschwebst, hinter Dir eine Wolke aus Gischt und Sand, und von vorne die klare, salzige Luft. Bis schliesslich dem Wanderer am Strand nur noch ein kleiner schwarzer Punkt am Horizont verbleibt, der genauso gut von einem Fahrzeug oder einem sich im Winde neigenden Baum stammen könnte. Aber er lächelt zufrieden, weiss er es doch besser.

WOLLEN KÖNNEN DÜRFEN SOLLEN MÜSSEN

Ich will etwas schreiben.
Aber ich kann nicht.
Darf ich sagen: es geht heute nicht?
Oder soll ich mich zwingen?
Muss ich wirklich?

Allzu oft orientieren wir uns an Konventionen:
Erwartungen oder das, was wir als solches interpretieren,
diktieren uns, was zu tun wäre.
So entsteht unglücklich-Sein:
aus dem internen Unvermögen, einem externen Zwang zu folgen.

Doch was erwarte ich von mir selbst?
Da sind wir wieder beim Thema „in sich hineinhören“:
wenn der Trubel von außen meine innere Stimme übertönt,
kann ich nicht wissen, was ich mir sagen will, sagen muss.

Deshalb dürfen wir auch mal sagen:
ich will jetzt meine Ruhe haben;
ich will jetzt nicht gesteuert werden,
ich will jetzt, darf, aber muss nicht.

Sylter Metamorphosen V

Und doch mag es einem Glauben schenken, man könne einfach den Weg entlanglaufen, weiter über das Watt hinaus in das offene Meer, immerfort. Aber je weiter wir gingen, desto näher kämen wir dem Ort, von dem wir einmal aufgebrochen sind. Schliesslich, atemlos ob unserer Reise, ständen wir eines Tages erneut an diesem Weg, von dem wir nun wüssten, dass wir ihn niemals verlassen könnten, so weit und schnell wir auch liefen.

Herbstabend

Sehnsucht atmet tiefes Schweigen
dämmernd in der Abendluft.
Scherenschnitt von leeren Zweigen
über Blättermoderduft.

Schatten fließen durch die Felder,
formen sich zum Kleid der Nacht.
Nebel sinken in die Wälder,
von der Kälte still bewacht.

Ziellos sucht sich meine Seele
einen Weg zurück ins Licht.
Welchen Pfad ich doch auch wähle –
aus dem Dunkeln führt er nicht.

Erst das sanfte Morgengrauen
atmet Leben in die Welt,
lässt uns hoffnungsvoll vertrauen,
bis der Vorhang wieder fällt.

Sylter Metamorphosen IV

Wenn Du die Augen schliesst, dann hörst Du das Flüstern der Wächter. Sie neigen ihre Köpfe im Wind zueinander, unaufhörlich. Tauschen sie Informationen aus? Warten sie auf einen bestimmten Zeitpunkt? Wer weiss das schon. Unzählige sind es, ein einziges Flimmern. Und Sekundenbruchteile später schon in einer neuen Formation, die so nie in der Erdgeschichte jemals da gewesen ist und so niemals mehr da sein wird.

Sylter Metamorphosen III

An diesem Ort hatte ich nun endlich wirklich das Gefühl, Teil einer jener Geschichten zu sein, die irgendwo zwischen Mythos und Realität seit jeher die Wahrnehmung der Insel Sylt prägen. Was es heisst, an der Buhne 16 am Kliffende die Augen zu schliessen und die Aura des vergangenen Jahrhunderts zu fühlen. Sonderbar vertraut fühlt sie sich an, diese Luft, als hätte ich sie schon damals geatmet. Doch das spielt keine Rolle, weil zwischen damals und heute kein Unterschied ist.