Schnittstellen

Schnittstellen: Verbindung und Trennung zugleich, Inbegriff einer Ambivalenz. Und doch sind sie allgegenwärtig in unserem Leben, in unserem Umfeld, in der Natur und in der Technik. Manchmal sind sie real, manchmal virtuell oder gar nur potentiell. Irgendetwas ist zerschnitten, lehrt uns der Begriff, doch vielleicht war es auch nie verbunden. Und gibt es tatsächlich einen Schnitt, fließt in der Regel irgendetwas nicht weiter wie bisher: Wasser, Luft, Licht, Nervensignale, Daten. Oder, anders herum, kann eine Schnittstelle auch eine nie dagewesene Verbindung herstellen, ein negativer Schnitt gleichsam. Manch einer bevorzugt den Begriff Nahtstelle, um zu zeigen, dass hier Schnitt nicht gleich Unterbrechung ist. Sie können naturgegeben sein oder von Menschenhand geschaffen. Eine Schnittstelle impliziert auch, dass etwas weitergegeben wird, übersetzt wird in ein anderes Format. Verbindung zweier Welten oder deren Isolation.

Der englische Begriff „Interface“ sagt uns nichts von einem Schnitt, vielmehr etwas von einem Gesicht, das dazwischen steht. So viel positiver als der Gedanke eines Schnitts. Hier geht es mehr um die Verbindung als um die Trennung. Unweigerlich denken wir an den Januskopf: der mit den beiden Gesichtern. Gott allen Ursprungs, des Anfangs und des Endes, vorwärts und rückwärts blickend zugleich, Symbol von Zwiespältigkeit und Dualität. Und doch gefällt der Gedanke von Schluss und Neubeginn, dem Trost, dass eine Schnittstelle nur eine Zwischenstation ist.

Auch der Mensch erlebt seine Umwelt mit Hilfe von Schnittstellen, an denen sich die Sinne befinden: sehen, hören, riechen … mit ihnen können wir uns in der Welt zurechtfinden. Je mehr davon nicht oder nur eingeschränkt funktionieren, desto weniger können wir unser Umfeld erleben und darauf reagieren. Und manchmal ist alles Sinn-los: wenn wir keine Signale mehr empfangen von den Schnittstellen, oder die Signale nicht mehr erkennen, versinken wir in der Isolation. Sinne als sinngebende Informationslieferanten für ein ansonsten verlorenes Individuum.

Gehen wir hingegen mit offenen Sinnen durch die Welt, so begegnen uns Schnittstellen unablässig an jeder Ecke. So viel, dass wir ihrer gar nicht mehr explizit bewusst werden. Selbst der Verkäufer an der Kasse im Kaufhaus ist eine Schnittstelle, die es uns ermöglicht, etwas von diesem Unternehmen zu erwerben. Und schlussendlich ist auch jedes Foto nichts anderes als eine Schnittstelle, ein ausgeschnittenes Bild aus einem Gesamtzusammenhang, das eine Verbindung herstellt zwischen dem Betrachter und einer Welt, die so vom Fotografen definiert und festgehalten wurde.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s