IRR-REAL

In allem, was wir sehen, spielen wir selbst die zentrale Rolle. Was wir sehen, sieht niemand außer uns – zu diesem Zeitpunkt, an diesem Ort. Vielleicht ein paar Meter weiter, ja, aber das ist etwas anderes. Und dann ist da ja noch die Interpretation: jeder nimmt das, was er sieht, anders wahr. Und so stehe ich an dem Geländer, sehe das Gewässer und meinen Schatten darüber, blicke in meine eigene Welt. Und als ich weitergehe, die ewige Frage: existiert dieser Ort jetzt noch? Oder existierte er nur in exakt dem Augenblick meiner Anwesenheit? Fast wie die Frage eines Kindes, ob im geschlossenen Kühlschrank das Licht noch brennt.

Die Erkenntnistheorie des radikalen Konstruktivismus sagt: die Realität besteht unabhängig vom Individuum und kann von diesem nicht reproduziert werden. Jede Wahrnehmung ist vollständig subjektiv, es gibt also keine Objektivität, da die Realität für jeden immer nur eine Konstruktion der eigenen Sinnes- und Gedächtnisleitung ist. Demnach wäre alles, was ich wahrnehme, im wahrsten Sinne des Wortes einzigartig. Und je länger ich darüber nachdenke, desto bewusster wird mir die Besonderheit meines Lebens.

VERGLEICHE

Egal, wie rau und unwirtlich die Umgebung ist, überall gibt es Leben. Im Sand, im Eis, ja sogar im All. Immer passt sich irgendjemand an irgendetwas an und richtet sich ein. Und immer kommt es darauf an, aus dem etwas zu machen, was man hat. So wie diese Alge, die im kargen Sand lebt. Ist sie unzufrieden, weil ihr Nachbar am Kliff nahrhafteren Boden hat? Vergleicht sie ihre Lebensumstände permanent mit anderen?

Unzufriedenheit setzt ein Bewusstsein voraus: die Fähigkeit, externe Reize nicht nur aufzunehmen, sondern sie zu erleben, daraus Gefühle abzuleiten, Entscheidungen zu treffen, zu denken, und sich schlussendlich dessen selbst bewusst zu sein und sich von anderen Lebewesen individuell abgrenzen zu können. All das können wir Menschen. Und doch ist es Segen und Fluch zugleich, können wir diese Fähigkeit für und gegen uns verwenden, können uns selbst glücklich oder tottraurig denken.

Was bloße Existenz nicht kann, wird im bewussten Leben zur Herausforderung, ja zur Lebensaufgabe: aus dem, was man hat, das Beste zu machen. Zufriedenheit als Funktion der eigenen Lebenseinstellung. Wer immer nur vergleicht und vermeintlich Besserem nachjagt, verliert am Ende.