Sylter Metamorphosen V

Und doch mag es einem Glauben schenken, man könne einfach den Weg entlanglaufen, weiter über das Watt hinaus in das offene Meer, immerfort. Aber je weiter wir gingen, desto näher kämen wir dem Ort, von dem wir einmal aufgebrochen sind. Schliesslich, atemlos ob unserer Reise, ständen wir eines Tages erneut an diesem Weg, von dem wir nun wüssten, dass wir ihn niemals verlassen könnten, so weit und schnell wir auch liefen.

Herbstabend

Sehnsucht atmet tiefes Schweigen
dämmernd in der Abendluft.
Scherenschnitt von leeren Zweigen
über Blättermoderduft.

Schatten fließen durch die Felder,
formen sich zum Kleid der Nacht.
Nebel sinken in die Wälder,
von der Kälte still bewacht.

Ziellos sucht sich meine Seele
einen Weg zurück ins Licht.
Welchen Pfad ich doch auch wähle –
aus dem Dunkeln führt er nicht.

Erst das sanfte Morgengrauen
atmet Leben in die Welt,
lässt uns hoffnungsvoll vertrauen,
bis der Vorhang wieder fällt.

Sylter Metamorphosen IV

Wenn Du die Augen schliesst, dann hörst Du das Flüstern der Wächter. Sie neigen ihre Köpfe im Wind zueinander, unaufhörlich. Tauschen sie Informationen aus? Warten sie auf einen bestimmten Zeitpunkt? Wer weiss das schon. Unzählige sind es, ein einziges Flimmern. Und Sekundenbruchteile später schon in einer neuen Formation, die so nie in der Erdgeschichte jemals da gewesen ist und so niemals mehr da sein wird.

Sylter Metamorphosen III

An diesem Ort hatte ich nun endlich wirklich das Gefühl, Teil einer jener Geschichten zu sein, die irgendwo zwischen Mythos und Realität seit jeher die Wahrnehmung der Insel Sylt prägen. Was es heisst, an der Buhne 16 am Kliffende die Augen zu schliessen und die Aura des vergangenen Jahrhunderts zu fühlen. Sonderbar vertraut fühlt sie sich an, diese Luft, als hätte ich sie schon damals geatmet. Doch das spielt keine Rolle, weil zwischen damals und heute kein Unterschied ist.

Aufbruch

 

Beton umgibt den Raum voll Stille,
das Licht nur spärlich – fahl und weit.
Doch wie ein ungezähmter Wille
flaniert mein Denken durch die Zeit.

Verschlossen sind die Eingangstüren,
mein Körper ruht in dunkler Hand.
Der Geist vermag jedoch zu spüren
die Freiheit jenseits dieser Wand.

Ich sehe Farben, Formen, Lichter,
und Fenster dort, wo keine sind.
Erkenne schemenhaft Gesichter,
entdecke Neues wie ein Kind.

Und schließlich öffnet sich der Kerker,
ein weißes Licht fällt grell herein.
Mein Geist und Körper werden stärker:
der Aufbruch in ein neues Sein.

Sylter Metamorphosen II

Geometrie des Augenblicks … runde Speere liegen am Strand, sauber zu Paketen verschnürt, und bilden Dreiecke in einer übergeordneten Dimension. Massiv und unwirklich wirken die hölzernen Körper in einer Komposition aus Luft, Wasser und Sand. Und doch würden sie mich tragen, läge ich auf ihnen weit draussen im Meer, über mir nur die Wolken, unter mir die unendliche Tiefe der aufgewühlten See.

Sylter Metamorphosen I

Die Sonne schien flach über das Feld, knapp über dem Horizont. Ihre Wärme begann der abendlichen Frische zu weichen, und das Gold in den Ähren wurde von Sekunde zu Sekunde schwächer, indem die Strahlen einer nach dem anderen abgeschnitten und vom Watt verschluckt wurden. Was gerade noch heiter und fröhlich am Wasser entlangsäuselte, erschien jetzt düster und schwer. Eine schwarze, wabernde Masse nagte am Strand, unaufhörlich, unnachgiebig.

Platz

Mein Platz: ein Ort, an den ich gehöre.
Schön klingt das, wenn andere sagen: das ist sein Platz.
Dann weiß ich: wenn ich nicht dort bin, fehle ich.
Und wenn ich fehle, werde ich vermisst: er ist nicht an seinem Platz.
An meinem Platz fühle ich mich zu Hause.
An meinem Platz darf ich ICH sein.

Wer aber immer an seinem Platz ist, wird irgendwann überflüssig, lästig.
Er wird nicht mehr vermisst, ist immer da, wird aufdringlich.
Ab und zu muss mein Platz also leer bleiben, damit man weiter sagt:
Das ist MEIN Platz.

Geräusche sehen

Kürzlich habe ich damit begonnen, mich intensiver mit der Bearbeitung von Audiodateien auseinanderzusetzen. Bisher beschränkte sich mein Wissen rein auf die Aufzeichnung via iPhone oder SLR-Kamera, den Zuschnitt auf die richtige Länge und die Konvertierung in das gewünschte Format. Nun, nach Anschaffung eines wunderbaren „Handy-Recorders“, habe ich das zum Anlass genommen, mich in die Software „Adobe Audition“ einzuarbeiten – und war erstaunt über die Parallelen zwischen Bild- und Tonbearbeitung. Aus Photoshop kennt man das ja: Bildbereiche auswählen, Bereiche löschen und ersetzen, störende Flecke wegstempeln. Als ich nun die zuletzt gebloggte Tondatei mit dem sich entzündenden Streichholz öffnete und in der Darstellung die Spektralfrequenzanzeige wählte, ergab sich obige Darstellung: ein aufgenommenes Geräusch als Bild, nach rechts die Zeit, nach oben die Frequenz aufgetragen, und in der Helligkeit die Intensivität der Töne – Ästhetik der Akustik. In diesem Diagramm kann man nun genauso wie in Photoshop störende Geräuscheinflüsse mit dem Pinsel „wegmalen“, Bereiche auswählen und löschen, Effekte auf die Selektion anwenden. Erstaunt über die Parallelität zwischen Bild und Ton wurde mit klar: am Ende sind alles doch nur Bits und Bytes, Tonwellen werden zu Pixeln, Pixel zu Symphonien. Unweigerlich musste ich an den Film „Matrix“ denken: wir laufen durch eine Welt aus Zahlenkolonnen. Wenn ich das nächste Mal losziehe, um Bilder zu machen oder Töne aufzuzeichnen, werde ich versuchen, das wieder zu vergessen: ich will nicht den Himmel in RGB-Werten sehen, nicht das Rauschen des Wassers als Hertz-Frequenz hören. Sondern einfach nur (er-)leben.