In der Stille ist es mir zu laut

Ein Augenblick der Stille, in unserer Zeit ein kostbares Gut:
schneller, höher, weiter, lauter.
Das Zeitalter der Alphatiere: jagen und gejagt werden.
Wer laut ist, gilt als stark; wer still ist, ist schwach – oder?

Wie oft ist Lärm um nichts aber ein Zeichen von Unsicherheit:
solange ich schreie, hört man mein Jammern nicht.
Wer laut ist, teilt aus – wer schweigt, erträgt.

Doch Stille ertragen können heute nicht mehr viele.
Vielleicht ein paar Minuten, ja – aber länger?
Dann wird schon wieder nach dem Smartphone gegriffen;
auch Bilder und Texte können laut sein.
Man braucht Ablenkung.

Mit Stille ertragen meine ich:
die Aktivität herunterschrauben,
die Arbeit zur Seite legen,
schweigend sehen und fühlen,
wirken lassen,
„offline“ gehen.

Das ist nicht einfach, denn:
wer von außen nichts hört,
muss in sich hineinhören;
sich auf sich selbst einlassen;
den unerträglichen Lärm in sich selbst ertragen;
sich mit seinen Ängsten auseinandersetzen.

Manch einem ist es in sich selbst zu laut.
Zu viele längst vergessene Traumata schlummern da,
sorgfältig versteckt in den dunklen Nischen der Seele.
Schnell die innere Unruhe mit äußerem Lärm betäuben.
Ja: Lärm von außen kann ein Betäubungsmittel sein.
Doch wer unangenehme Themen immer nur in diese Nischen schiebt,
hat bald keinen Platz mehr dafür.
Irgendwann bricht alles aus:
die hellste Flamme verbrennt am schnellsten.

Stille aushalten heißt: in sich aufräumen.
Und Kraft tanken für den weiteren Weg,
auf dem es sicher auch wieder laut wird.

Audio

Feuer

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Feuer: Wärme, Leben, Ewigkeit.
Aufbewahrt in einer kleinen Schachtel,
bis man es benötigt.
Einmal zum Leben erweckt,
entfaltet es seine unbändige Macht,
und braucht ununterbrochen Nahrung.
Die Kunst besteht darin,
die richtige Dosis zu finden:
um die Kontrolle zu behalten,
um es vor dem Erlöschen zu bewahren.

So-sein oder anders-sein?

Wie ist das mit meinem Sein? Ich bin wie ich bin.
Und so wie ich bin, sehen mich andere meist anders.
Doch wer möchte nicht manchmal anders Sein, oder vielmehr:
in seinem Sein anders wahrgenommen werden?

Traurige möchten, dass ihr traurig-sein nicht bemerkt wird.
Lügner möchten, dass ihr verlogen-sein unentdeckt bleibt.
Schwache möchten ihr schwach-sein verbergen.

Und so basteln wir uns Masken, die unser wahres Sein verbergen:
Masken kommunizieren mit Masken kommunizieren mit Masken.

Vielleicht ist es das, was der radikale Konstruktivismus meint:
Alles ist entworfen: wir wollen anders sein –
und leben in einem Masterplan.
Mit Ehrlichkeit hat das nichts mehr zu tun;
und es kostet Kraft, eine Maske zu tragen.

Am Ende brauchen wir all unsere Energie, die Maske aufrecht zu halten.
Und können vor lauter anders-sein-wollen nicht mehr wir selbst sein.

Zeitwert

Was ist die Zeit Wert?
Was ist mir die Zeit wert?
Was ist etwas in der Zeit wert?

Wir alle haben ein beschränktes Kontingent an Zeit.
Niemand weiß, wie viel das ist; niemand kennt sein ganz persönliches Kontingent.
Unsicherheit macht Angst, sagt man.
Macht uns die Unsicherheit über unser Zeitkontingent Angst?
Würde uns Sicherheit darüber unsere Angst nehmen?

Wenn ich nur noch einen Tag zu leben hätte:
wie oft wurde diese Frage schon gestellt.
Und: was wäre mir ein weiterer Tag wert, wenn ich ihn kaufen könnte?
Oder ein Monat? Ein Jahr? – Meine Seele?
Das Verweilen des Augenblicks haben schon andere zu erkaufen versucht.

Wir wollen mehr Zeit, und wissen doch nicht einmal, was Zeit ist.
Ein Mehr: wovon? – Keine Materie, kein Begreifen, kein Bezug.
Mehr Zeit haben, was heißt das schon?
Wir können heute nicht mehr Zeit haben:
alle Zeit hier und jetzt auf einem Haufen, vor uns?

Jetzt ist der Augenblick, und der ist zeitlos wie eine Fotografie:
ich kann mir kein Bild machen von der Zeit.
Und selbst ein Film ist nur eine Abfolge von Einzelbildern.
Vielleicht gibt es gar kein Kontinuum,
vielleicht ist Zeit nur die unendliche Taktung von Augenblicken:
gibt ihnen Struktur, ordnet sie in einer stringenten Kontingenz.

Mehr Zeit haben heißt eigentlich nur, dass ein weiterer Augenblick kommt,
immer und immer wieder.
Dass alles irgendwie weitergeht.

Zeit: so kostbar, so flüchtig, so endlich.
Und doch erst wirklich präsent, wenn sie abläuft.

Galerie

Bewegung

Bewegung denken – in unseren Träumen ist alles einfach:
geistige Bewegung als notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung,
um auf dem Lebensweg voranzukommen.

Das ist der Unterschied zwischen Theorie und Praxis, zwischen innen und außen:
manch einer arbeitet sich in gedanklichen Schleifen auf,
bevor sein Körper überhaupt in Bewegung kommt –
negative Gedanken machen kraftlos, antriebslos, müde.

Wenn die Bewegung also nicht von innen kommt, dann von außen.
Ich denke also nicht Bewegung, sondern ich bewege meine Gedanken von außen:
zu Fuß, beim Schwimmen, auf dem Rennrad.
Die Bilder, die ich dabei sehe, erzeugen Resonanz, Nachhall,
sie bewegen meine Gedanken weiter, wenn mein Körper längst wieder stillsteht.

 

Audio

Metall

Geräusche von Metall auf Metall: kalt, hart, präzise.
Etwas bewegt sich, wird bewegt, bewegt etwas Anderes.
Am Ende plötzlich Stille: es hat aufgehört,
um irgendwann neu beginnen zu können.
So wie im richtigen Leben.

Wir hören das Geräusch, ein Bild entsteht: Resonanz.
Überlegen, vergleichen und dann: erkennen.
Bilder erzeugen neue Bilder – wecken Erinnerungen.

Mehr zu diesem Geräusch im nächsten Beitrag:

Säulen

Säulen geben unserem Leben Halt:
Sie tragen einen Teil unserer Last, die wir alleine nicht stemmen können.
Sie geben unserem Leben Sicherheit.
Sie bilden die Verbindung zwischen unserem Fundament und unserem Dach.

Oft stehen uns Säulen auch im Weg:
wir müssen um sie herumlaufen, um weiter zu kommen.
Doch Säulen brauchen Raum in unserem Leben, um ihre Funktion zu erfüllen.
Eine Säule ohne Raum ist nur Leere, sie trägt nichts, ist nutzlos.
Je massiver eine Säule ist, desto mehr Platz braucht sie;
desto mehr Raum müssen wir ihr lassen.
Platz lassen heißt dabei auch Zeit: Raum und Zeit bedingen sich gegenseitig.

Ich bin froh über die Säulen in meinem Leben.
Ich weiß auch, dass ich ihnen zu wenig Raum gebe, zu wenig Zeit widme –
Säulen brauchen Pflege, sonst beginnen sie einzustürzen.

Anfang

Ich stehe am Anfang. Nicht davor, nicht danach, nein: genau darauf.
Anfang heißt: da kommt was – doch kommt es wirklich?
Von nichts kommt nichts. Kein Anfang, keine Bewegung, und auch kein Ende.
So ist das: solange ich am Anfang stehe, fängt nichts an.

ICH bin der Anfang, die Bewegung, das Ende. ICH muss mich bewegen.
Die Trägheit überwinden ist das Grundproblem:
auf dem Sofa ist es gemütlicher als draußen im Wind.
Doch während ich auf dem Sofa sitze, bewegen sich alle anderen:
sie bewegen sich – von mir weg.

Ich überlege: was wollte ich doch gleich? Glücklich sein?
Doch um glücklich zu sein muss ich was anfangen.
Und mit dem Glück ist es wie mit dem Anfang: ohne Bewegung ist nichts.

Ein Teufelskreis:
ohne Bewegung kein Anfang,
ohne Anfang kein Glück,
ohne Glück keine Kraft für Bewegung.

Und doch: einmal nur muss ich die Kraft für Bewegung aufbringen.
Dann entsteht Dynamik.
Und schließlich funktioniert das auch mit dem Glück, vielleicht.